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Die Last umstrittener Straßennamen: Sie sollen an Menschen erinnern, die Besonderes geleistet haben. Doch die Zeiten in Frankfurt ändern sich, und damit auch die Einordnung der mit einem Straßennamen verbundenen Personen. 

Kennen Sie die "Fabian-von-Schlabrendorff-Straße" in Riedberg oder zufällig die "Hedwig-Dransfeld-Straße" in Bockenheim? Vermutlich nicht. Dabei stehen auf beiden Schildern wichtige Namen der Vergangenheit. Fabian Ludwig Georg Adolf Kurt Graf von Schlabrendorff (1907-1980) etwa war ein deutscher Jurist sowie Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944. Während des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses 1945 gehört er zum Beraterstab der Amerikaner an, von 1967 bis 1975 war er Richter am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. In dieser Funktion wirkt er unter anderem an der wichtigen Entscheidung über die Verfassungsmäßigkeit des Grundlagenvertrages zwischen der Bundesrepublik und der DDR mit. Hedwig Dransfeld (1871-1925) war eine deutsche Autorin und Politikerin, die sich wirkungsvoll als eine der ersten weiblichen Abgeordneten der Weimarer Nationalversammlung und des Deutschen Reichstages für Schulreform, Jugendschutz, Familie- und Eherecht einsetzte. Sie gilt als einer der Vorreiterinnen der Gleichstellung von Mann und Frau, war Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes. 

Das sind nur zwei Beispiele von vielen. Von den insgesamt rund 3.600 Straßennamen der Stadt enthalten viele Namen, deren Herkunft sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Andererseits ehren viele Straßennamen die Namen wichtiger Persönlichkeiten, die einprägsamer sind. Doch die Zeiten ändern sich, und damit auch die Einordnung des mit einem Straßennamen verbundenen Menschen. „Das besondere Interesse an den Straßennamen zeigt sich beispielsweise in Form zahlreicher Medienberichte sowie durch Anfragen und Anregungen, die an die Stadtverwaltung gerichtet werden“, schreibt die Stadt auf ihrer Homepage. Sehr wahrscheinlich dürfte hierbei ein besonderes Interesse an den Namen von Mittätern und Mitschuldigen im deutschen Kolonialismus und der NS-Zeit liegen. 

Ehre, wem keine Ehre gebührt?
Dr. Johannes von Miquel (1828-1901) beispielsweise war Frankfurter Oberbürgermeister von 1880 bis 1890 und Mitbegründer der Gesellschaft für Deutsche Kolonisation. In Miquels Amtszeit ist nicht nur der Hauptbahnhof entstanden, er förderte den sozialen Wohnungsbau. Allerdings trieb sein Lobbyverein die koloniale Expansion voran, verfolgte nationalökonomische Interessen. Die Hauptstraße Miquelallee und die gleichnamige U-Bahn-Station in Frankfurt erinnern sofern an einen Verteidiger des Kolonialismus. Stellt sich Frage: Sollte man die Straße und die Station umbenennen? 

Eindeutiger ist der Fall bei Hans Pfitzner, der seinen Namen auf dem Straßenschild mittlerweile los ist. Der Komponist und Dirigent (1969-1949) war für seine antidemokratisch-nationalistische Kampfschriften, häufig mit offen antisemitischer Zielrichtung, bekannt. Während der Weimarer Republik redete er von „russisch-jüdischen Zersetzern“, unterstützte später die Kulturpolitik der Nationalsozialisten, wurde von Adolf Hitler persönlich als „gottbegnadeter“ Künstler im Sinne des Nazi-Regimes eingestuft und leugnete den Holocaust, berichtet die FAZ. Über 70 Jahren nach seinem Tod hat man nun reagiert und korrigiert. Anfang dieses Jahres wurde die Einweihungszeremonie für die Umbenennung der Hans-Pfitzner-Straße in die Lilo-Günzler-Straße vollzogen.

Lilo Günzler war Holocaust-Überlebende, Buchautorin und als Zeit-Zeugin oft an Schulen präsent. Auch als langjährige Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsverein Schwanheim dokumentierte sie das Erlebte. Für ihr Engagement erhielt sie 2009 das Bundesverdienstkreuz und 2011 die Bürgermedaille der Stadt Frankfurt. Am 11. Februar 2020 ist Lilo Günzler gestorben. Ungewöhnlich schnell und unbürokratisch hatte die Stadt Frankfurt dem im März des vergangenen Jahres fraktionsübergreifend Wunsch der Umbenennung entsprochen, berichtet die FR. Unbürokratisch deshalb, weil vom sonst geltenden Grundsatz abgewichen wurde, wonach eine Person mindestens drei Jahre tot sein muss, ehe eine Straße nach ihr benannt werden kann. 

Stadtpläne erschließen die NS-Zeit topografisch
Umbenannt wurde auch in der Vergangenheit. Das Institut für Stadtgeschichte bietet online einen zeitgemäßen Zugang zur Geschichte der Stadt Frankfurt im Nationalsozialismus an. Die Nutzer*innen können digital zwischen mehreren Zugangsebenen wählen. Unter anderem zu Stadtplänen, die die NS-Zeit topografisch erschließen. Hierbei listet das Institut rund 90 Straßen in Frankfurt auf, die die Nazis umbenannt haben. Aus den Benennungen und Änderungen der Straßennamen lassen sich deutlich die Zeitläufe ablesen. In den Jahren 1933 bis 1945 hatte die nationalsozialistische Stadtführung demnach eine ganze Reihe von Namen jüdischer Persönlichkeiten aus dem Straßenbild gelöscht. 

Leitfaden zur Straßenbenennung heute
Neben Namen von Straßen, die einem differenzierten Blick auf die Vergangenheit nicht gerecht werden, sollen in Zukunft auch schwer auszusprechende Namen nicht mehr verwendet werden. Laut dem Leitfaden zur Straßenbenennung, den Planungsdezernent Mike Josef (SPD) vor vier Jahren in Kraft gesetzt hatte, sollen Straßennamen „gut verständlich und einprägsam“ sein. Namen, die zu Verwechslungen, Missdeutungen oder ähnlichem Anlass geben, sind zu vermeiden. Das sei allein schon aus Gründen der Sicherheit nötig. Rettungsdienste sollten demnach nicht wegen Hörfehlern in eine falsche Straße fahren. Die Corneliusstraße im Westend und die Comeniusstraße im Nordend etwa sind leicht zu verwechseln. Auch sollen die Straßennamen in Frankfurt aus höchstens 25 Zeichen bestehen. Benennungen nach Personen, die Ziele, Handlungen oder Wertvorstellungen verkörpern, die der Verfassung des Landes Hessen zuwiderlaufen oder dem Ansehen der Stadt Frankfurt schaden, seien unzulässig, heißt es im Leitfaden weiter. 

Wie weiblich ist Frankfurt?
1989 beschloss die Stadtverordnetenversammlung, dass Frauen bei der Straßenbenennung stärker berücksichtigt und Frankfurterinnen dabei bevorzugt werden sollen. Wer allerdings heute in den Frankfurter Stadtplan blickt, erkennt dort kaum eine Gleichberechtigung im wahrsten Sinne des Wortes: In der Mainmetropole sind von allen Straßen, Plätzen und Brücken rund 1.000 nach Männern benannt und nur 144 Frankfurter Straßen oder Plätze tragen Namen von Frauen, registriert das Frauenreferat der Stadt über ihren Dienst GeoInfo. Die Daten sind aus 2017. Hier ist offensichtlich noch viel Luft nach oben, was auch der Blick auf die nach Frauen benannte Stadtkarte von GeoInfo beweist. Dabei mangelt es keineswegs an bedeutenden Frauen in der Stadt, nach denen Straßen benannt werden könnten. Die Spuren dieser Frauen sind in der Geschichtsschreibung ebenso weit zurückzuverfolgen wie die bedeutender Männer.

Weiterführende Imformationen: 

Wikimedia-Liste der Straßennamen von Frankfurt am Main

Initiative Frankfurt postkolonial

Leitfaden zur Benennung von Straßen in Frankfurt (PDF)

Straßenverzeichnis Frankfurt am Main (PDF)

Vorschlagsliste für die Benennung neuer Straßen in Frankfurt (PDF) 

 

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